Als Schisser durchs Netz – Das etwas andere Digitalisierungsbuch

Last Updated on 23. November 2021 by Angelika Wohofsky

Als Schisser durchs Netz

Buchbesprechung

Die meisten Bücher nehmen die Digitalisierung kritisch unter die Lupe. Bauen Horrorszenarien, die einem ängstlichen Protagonisten Sprachrohr sind. Nicht so bei Jan Kowalskys neuestem Werk „Als Schisser durchs Netz“. Der Autor setzt die Schisser-Reihe mit einer „Berg- und Digitalfahrt der Gefühle“ weiter fort und hat damit bei mir einen Nerv getroffen. Digitales muss nicht immer nur bedrohlich sein. Es darf auch mal mit bissigem Humor um die Ecke kommen. Fazit: ein perfektes Weihnachtsgeschenk.

Verliebt in eine App

Eigentlich ist Kowalskys neuestes Buch ein komisches Beziehungsdrama. Denn was sich zwischen dem Schisser und seiner Frau Sarah abspielt, findet zwischen Wetter-App, Handy-Wecker oder Social Media-Account statt.

Auch sein Umfeld stresst. Der Arbeitskollege Gunnar kann nie ohne Smart Home und Apps sein. Und selbst des Schissers Jugendfreund Martin verliert sich in der Welt der Künstlichen Intelligenz. Bis über beide Ohren verliebt sich Martin in seine mittels K.I. neu erschaffene Jugendliebe – „Juliana Schmidtpott aus der 12c“.

Ganz abgesehen von Schatzi, dem Saugroboter und neuestem Liebling seiner Frau, sowie der Smartwatch, die bis auf die Sekunde den Tag seines Schwiegervaters durchorganisiert.

Alles #challenge oder was?

Der digitalen Abhängigkeit setzt der Autor mit einem Video die Krone auf. Der Protagonist läuft in einem Handyvideo hysterisch schreiend über die Hängebrücke eines Hochseilgartens.

Was als Teamtraining seines Arbeitgebers begann, endet in einem viralen Chaos. Die #schisserchallenge zieht ihre Kreise durchs Social Web. Der Protagonist schäumt vor Wut und fühlt sich in jeder noch so kleinen „EDGE“ von der digitalen Welt verfolgt.

Wenn die Dusche mit dir spricht

Nicht so seine Frau, die Ärztin Sarah. Sie vertraut der Wetter-App ihr Equipment an. Denn Algorithmen wissen besser, ob es regnen wird oder die Sonne vom Himmel lacht.

Auch der Freundeskreis des Protagonisten tickt digital. Das Smart Home seines Arbeitskollegen Gunnar steuert nicht nur Heizung und Videoüberwachung, sondern auch die Dusche. Eine Stimme aus dem Off begrüßt den nackten Schisser mit einem „Schön, dass du da bist. Bitte wähle dein Duschprogramm: normal, weich oder Massagestrahl?“.

Gleichzeitig neigt der Hauptdarsteller dazu, Dr. Google zu befragen und nervt mit selbst gestrickten Diagnosen seinen Arzt.

Ausweg Digital Detox

„Ich war schon immer eher der ängstliche Typ“ sinniert der Ich-Erzähler über die Smombie-Apokalypse, die sich um ihn aufbaut. Seine Antwort drauf: Er geht in den Wald.

Dort will er, von digitalen Medien unerreichbar, seine Batterien wieder aufladen, was mit einer Nahtoderfahrung beginnt. Der Protagonist fährt seinen Kleinwagen im Dreck eines Waldweges fest und wird von einem Einsiedler „gerettet“.

Das Abenteuer im Wald dokumentiert er selbstironisch als „Logbuch der Langeweile“.

K.I – Kann das weg?

Die Reise durchs Netz findet ein gutes Ende. Die künstliche Juliana Schmidtpott verhält sich nicht mehr so nett devot – „So sind wir Frauen halt“, meint Sarah lapidar dazu.

Der Schisser kehrt erholt aus dem Wald zurück und entdeckt eine Lösung für die digitale Sucht, nämlich das Handy-Hotel. Auch seine Frau findet wieder Gefallen am Analogen, zumindest zeitweise. Und die #schisserchallenge hat mit der #ZeigtHerEureTassen-Challenge ihren Nachfolger gefunden.

Das Buch endet mit folgendem Absatz: „Hier im Wald waren wir weit davon entfernt. Wir merkten vor allem eins: Die Tage waren länger ohne Internet. Wir hatten zwar kein Netz, aber wir hatten uns. Und das war alles, was wirklich zählte.“

Der Schisser gewinnt die Aufmerksamkeit seiner Frau Sarah zurück – im Wald und ganz analog. Schatzi, den Saugroboter, sperrt er in die Abstellkammer.

Zum Handwerklichen des Buches

Ja, das Buch gefällt. Einfach geschrieben und kurzweilig zu lesen.

Die Dialoge provozieren Bilder im Kopf, die pefekt in eine Comedy-Serie typisch deutscher Machart passen würden.

Auch finden Erlebnisse aus dem Alltag eines Smombies reichlich Platz, die zu 99,9 Prozent wohl jeder von uns schon einmal genauso erfahren hatte.


Zur Erklärung: Ein Smombie ist ein Wesen, halb Smartphone, halb Zombie-Mensch, an dessen Nabelschnur ein Handy baumelt. Also erweitert der Protagonist auch Maslows Bedürfnispyramide um zwei grundlegende Bedürfnisse: WLAN und Akku.

Es finden in diesem amüsanten Buch alle gängigen Klischees der Digitalisierung ihre Erwähnung. Dr. Google, Alexa und Siri als mögliche Namen für das eigene Kind, Geocaching als hybrides Erfolgsrezept für einen gelungenen Aufenthalt in der Natur, und das seltsame Institut der Künstlichen Intelligenz, welches von einem Dr. Frankenheimer geleitet wird.

Bilder im Kopf sind also garantiert. Dazu die schnellen Dialoge, teils in tiefstem hessischen Dialekt, gepaart mit Situationskomik ihrer Darsteller. Ich nehme einfach an, dem Autor ist bei so manchen Situationen der Illustrator durchgegangen. Zielsicher witzig und ironisch.

Zum Autor Jan Kowalsky

Der Autor Jan Kowalsky, 1976 geboren, arbeitet als Illustrator und ist seines Zeichens „Marketingmann“. Schon mit seinem ersten Buch, dem Spiegel-Bestseller „Als Schisser durch die Welt“, trieb er seinen Protagonisten durch die Medien.

Auch der digitale Schisser wurde von Kowalsky analog illustriert. Fast möchte man in der Illustration das Konterfei des Autors erkennen – es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Buchdaten

Jan Kowalsky: Als Schisser durchs Netz. Eine Berg- und Digitalfahrt der Gefühle. Analog illustriert vom Autor. München: Goldmann 2021.

Hier geht es zum Buch bei Amazon.

HINWEIS: Rezensionsexemplar erhalten, bestellte Rezension des Verlags.

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