Ich staune immer wieder, welcher Hype sich um die Startup-Szene aufgebaut hat. Die Startups, das sind die jungen Wilden, die sich nichts scheißen und einfach tun. Und – die sich mittlerweile in dafür konzipierten Räumen bewegen. Räume wie Coworking-Spaces, offene Werkstätten, Innovationszentren, oder irgendeine stillgelegte Fertigungshalle, in die man einen 3D-Drucker und eine Handvoll Raumteiler gestellt hat.

Moderne Segregation

Man hat die Startups, und vielleicht förderte das die Startup-Szene selbst unbewusst, nicht nur in semantische, sondern auch in real existierende, geschützte Räume verbannt. Dort dürfen sie tun, wie sie wollen. Dort treiben sich auch die Investoren herum, welche das klassische KMU ebenfalls nur selten zu Gesicht bekommt, weil es im klassischen Unternehmen kaum etwas zum „Verzocken“ gibt.

Aus der Perspektive der Sozialgeografie ist dieses Vorgehen als Segregation zu bezeichnen. Man weist diesen jungen Wilden einen klar definierten, abgegrenzten Ort zu. Die Motive der Zuweiser für ein solches Verhalten sind vielfältig und meist auch in der eigenen Angst vor Neuem begründet. Jedenfalls sollten Organisationsentwickler sich einmal diesem Phänomen in der Startup-Szene widmen.

Am Ende des Tages dieser Segregationstendenzen wird aber die breite Masse der Wirtschaft und ihrer Promotoren jammern, dass der Wirtschaft eben die vielzitierte Innovationskraft fehlt. Der Ruf nach „wir brauchen mehr Startups und mehr Digitalisierung“ erreicht dann auch die mediale Berichterstattung und die Sprecher der Wirtschaftsinstitutionen, die diesen fleißig weitertragen. Und Berater proklamieren den dringend notwendigen Wandel in der Unternehmenskultur.

Selbst den Allerwertesten heben und Mindset verändern

Dabei könnten wir diese Probleme ganz leicht mit gelebter Startup-Mentalität ändern. Würden wir diese nur in die klassischen Wirtschaftsunternehmungen vorlassen und in der breiten Masse praktizieren. Dafür bedarf es aber der Veränderung im eigenen Verhalten.

Ach ja, und die Gründerszene könnte sich diese Mentalität ebenfalls zu Herzen nehmen. Ist diese doch großteils selbst klassisch gleichgeschaltet und zeigt nur sehr wenige Anzeichen des unternehmerischen Innovationsprozesses, den die Startup-Szene in vielen Fällen exzellent beherrscht. Nämlich:

  • Verstehen der Kundenbedürfnisse – und damit Erkennen der Schmerzpunkte bei Kunden, Lieferanten, Partnern… Schmerzpunkte = das vom Kunden brennendst empfundene Problem, worüber das Marketing eines Betriebs eigentlich Bescheid wissen müsste bzw. über Methoden zu verfügen hat, mit denen man diese Schmerzpunkte sichtbar macht! Ich spreche in diesem Zusammenhang auch seit Jahren von der EKS (Engpass-konzentrierten-Strategie) als probate Methode, Bedürfnis fokussiert zu arbeiten.
  • Schnelles Prototyping von Ideen – Lösungsideen testen, die attraktivsten Modelle auswählen. Dieser Prozess ist schon innerhalb von 24 Stunden in Gang gesetzt und kann beispielsweise in den oben zitierten Startup-Räumen mit 3D-Druckern bewältigt werden.
  • erste verkaufbare Produkte / Lösungen auf den Markt bringen – das sind Minimal-Produkte, die einem echten Abverkaufstest unterzogen werden. Denn der Kunde entscheidet, ob der das Produkt braucht oder nicht und vor allem, wie er es verfügbar haben möchte. Auch hier greift digitales Marketing als strategisches Managementinstrument ein!
  • Geschäftsaufbau mit realen Daten – diese Daten wurden durch Verkauf erster Minimal-Produkte und durch einen Markttest gewonnen; der Markt-Rollout erfolgt hier KPI-basiert und mittels Skalierung. Und genau dafür brauchst du wieder digitales Marketing-Knowhow.

Diese 4 Schritte werden von digitalen Technologien begleitet. Wohl gemerkt: BEGLEITET! Das ist Digitalisierung. Und nicht wie landläufig vermutet der möglichst zahlreiche und gewitzte Einsatz von Apps, IT-Lösungen, Programmen etc.

Noch ein Wort zu den Gründern, von denen viele mit der Begründung gründen: „Ich mach das jetzt mal, weil ich bin ja schon 48 Jahre alt!“ – Übrigens, die Gründerprogramme sind für ein solches innovatives Entrepreneurship überhaupt nicht aufgestellt. Damit haben sie die Digitalisierung der Geschäftsmodelle ihrer Gründer auch nicht am Schirm. Das werfe ich jetzt einmal provokant in den Raum und stelle diesen Satz zur Diskussion. Sie können sich gerne an ihm in den Kommentaren abarbeiten.

Und den zweiten Schluss ziehe ich mit dem ebenfalls zum Kommentar freigegeben Satz:

Viele Unternehmer sind viel zu satt und visionsbefreit, um hinter diesem Innovationsprozess die Digitalisierung ihres Geschäftsmodells zu erkennen und der Startup-Szene Zutritt in ihre heiligen Hallen zu gewähren. Aus Angst Einfluss und Macht zu verlieren.

ANMERKUNG: Wenn ich von „Verzocken“ im Kontext der Investoren spreche, dann meine ich damit, dass es halt auch immer gute Gründe für solche Hochrisiko-Investitionen geben muss, damit der Investor einsteigt. Gute Gründe, die den Geschäftserfolg versprechen!

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