„Wenn die Dinge mit uns reden“, so lautet der Titel des neuen Buches von Christoph Drösser, freier Wissenschaftsjournalist und Autor in San Francisco, über Künstliche Intelligenz, Bots und Sprachassistenten.

Künstliche Intelligenz und Sprache gibt es schon lange

Was meinen Sie? Wieviele Wörter spricht ein Mensch pro Minute? In Summe sind es rund 150 Wörter. Und dieses Tempo muss die Künstliche Intelligenz (KI) einmal verstehen, um so zeitnah wie möglich darauf zu antworten. Mit solchen Informationen tauchen wir in die Welt des neuen Buches von Christoph Drösser ein.

Künstliche Intelligenz, damit sind Sprachassistenten wie Siri von Apple oder Amazons Alexa gemeint. Damit die KI zeitnah reagieren kann, als würde man mit einem echten Menschen sprechen, muss diese zuerst mit Informationen und Daten gefüttert werden. Dafür werden Beispieltexte eingeben, anhand deren die KI eine Sprache lernt und einzelne Wörter zu sinnvollen Sätzen zusammenbauen kann.

Die erste phonetische Schreibmaschine verstand 40 Wörter in der Minute. Dieses Programm mit Namen „Dragon“, ist heute noch Marktführer unter den Diktiersystemen. Als 1990 Dragon auf den Markt kam, kostete diese Software über 9000 Dollar. Heute erhält man die Diktiersoftware schon ab 60 Euro.

Oder, Sie geben ein aufgezeichnetes Interview in eine App wie Amber Script ein und das Ding transkribiert die Aufnahme in einen Text, den sie nur noch leicht korrigieren müssen. Unterschiedliche Sprecher werden erkannt und man spart sich ein mühsames Abtippen von Tondokumenten. Damit wird die maschinelle Transkription menschliche Transkriptoren ablösen, denn die maschinelle Version ist schneller, preiswerter und genügt den meisten Anwendungsfällen völlig.

Maschinen beginnen wie Menschen zu sprechen

Diese und andere Beispiele für sprachliche KI-Anwendungen beschreibt der Autor Christoph Drösser so kurzweilig, dass man sein neues Buch „Wenn die Dinge mit uns reden“ gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Es bietet einen faszinierenden Einblick über die Entstehung computergesteuerter Sprachassistenten, die Verarbeitung von Sprache durch Maschinen und die damit einhergehenden, technologischen Herausforderungen.

Die Technologie verzeichnet gerade in diesem Jahrhundert enorme Fortschritte zu künstlicher Sprache. Dabei verlieh das Wissen um neuronale Netze und das Deep Learning ab 2010 der Spracherkennung einen Sprung nach vorne. Microsoft stellte 2012 ein erstes automatisches Übersetzungssystem vor, das sogar die Stimmfarbe des Sprechers für die Übersetzung verwendete. Ein englischer Text wurde ins Chinesische übersetzt und dann auch chinesisch gesprochen. Sein Sprecher, eine Computerstimme.

Lesen und selbst ausprobieren

Schon während der Lektüre von „Wenn die Dinge mit uns reden“ begann ich, mit Siri herumzuspielen. Und bemerkte dabei im denkbar letzten Moment, dass Siri eine Kollegin von mir anzurufen begann. Ich plauderte vor mich hin, fragte Siri, ob ich eine Daniela anrufen soll. Patsch, und schon hatte Siri Daniela angewählt. Zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, am Sonntag spät abends.

Passen Sie also auf, dass Sie neben der Lektüre dieses neuen Buches von Christoph Drösser Ihrem Sprachassistenten keine missverständlichen Anweisungen geben. Das Buch ermuntert nämlich zum sofortigen Ausprobieren.

Kennen Sie BERT?

Drösser beschreibt in seinem Buch nicht nur Anwendungsbereiche maschinengesteuerter Sprachsysteme, er erklärt auch, wie Sprache funktioniert und wie diese künstlichen Systeme Sprache lernen. Eine wesentliche Herausforderung dabei ist es, den Sinn von Wörtern zu verstehen und sie in einen sinnvollen Zusammenhang zu stellen. Die Sprachsteuerung muss über ein Textverständnis verfügen. Ein solches gelang Google mit BERT, das im Herbst 2018 vorgestellt wurde. Die Ära der dichtenden Computer ist bereits angebrochen.

BERT ist ein solches neuronales Netz, das mit Texten aus dem Internet gefüttert wird und auf diese Art lernt, wie korrekte englische Sätze aussehen. Eine deutsche Version von BERT ist bereits am Markt. Ein solches „vortrainiertes“ Netz passt der User dann an seine eigenen Anforderungen an. Google stellt übrigens den BERT Code öffentlich für andere Entwickler zur Verfügung.

Was kommt in Zukunft auf uns zu?

Werfen wir mit Drösser aber auch einen Blick in die Zukunft. Wird es Roboterjournalisten und Computer geben, die als Autor „arbeiten“? Die nüchterne Antwort lautet: „Die gibt es schon!“ Textbausteine werden heute schon in Zeitungsredaktionen von Maschinen zu Geschichten zusammengestellt. Besonders beliebte Einsatzgebiete sind die Medienressorts für Bilanzen von Unternehmen, Wahlergebnisse (!), Wetter, Verkehrsmeldungen und Sportergebnisse.

Cover des Buches Wenn die Dinge mit uns reden von Christoph Drösser
Cover des Buches „Wenn die Dinge mit uns reden“ von Christoph Drösser https://shop.duden.de/Shop/Wenn-die-Dinge-mit-uns-reden

Journalisten, so Drösser, müssten aber nicht um ihre Jobs fürchten. Nur die Anforderungen ändern sich vom Verfasser solcher Berichte hin zum Einpflegen bestimmter Daten in Datenlisten, dem Verfassen von Textbausteinen oder die Überprüfung der Qualität von Robotern geschriebenen Artikeln. Sprich: Roboter übernehmen unattraktive Routinejobs in den Redaktionen. Denn, wer mag schon Fußballergebnisse in Listen und Tabellen eintragen und diese in einem immer gleichen Jargon verfassen.

Die Washington Post lässt viele dieser Routineartikel von Robotern schreiben. Mit dem Vorteil, dass sich die Reporter der Zeitung auf die Recherche und Hintergründe konzentrieren können. Drösser räumt dem Roboterjournalismus doch ein gewisses Maß an Primitivität ein. Die Entwicklungen deuten gleichzeitig aber darauf hin, dass Texte zunehmend automatisch generiert werden könnten.

Eine Uncanny Valley-Erfahrung beschreibt eine Akzeptanzlücke zwischen Roboter, künstlicher Intelligenz und dem Menschen. Je ähnlicher uns Menschen die Roboter werden, umso mehr fremdelt der Mensch gegenüber der „Persönlichkeit“ einer künstlichen Intelligenz.

Drösser, S. 113.

Gliederung des Buches

Den Aufbau des Buches „Wenn die Dinge mit uns reden“ fasse ich kurz zusammen:

  • Die dazwischen gestellten Interviews lockern die Beschreibungen des Autors angenehm auf. Drösser holt mit ihnen eine Aussenperspektive ins Buch herein.
  • Drösser führt ans Thema Künstlicher Intelligenz, Sprachassistenten und Social Bots über den Umweg der historischen Entwicklung dieser Technologien heran. Das schafft Verständnis und lässt auch staunen. Denn manche Leser werden überrascht sein, seit wann die westliche Welt schon über künstliche Sprachassistenten forscht.
  • Das Thema kann komplex sein, die Sprache des Autors ist trotzdem angenehm einfach geblieben. Knappe Sätze erleichtern den Lesefluss. Ich würde sogar behaupten, „Wenn die Dinge mit uns reden“ lässt sich im Vorbeigehen konsumieren.

Besonders hervorzuheben wäre das dem Text angeschlossene Sach- und Personenregister, was beim Nachschlagen hilft. Ein Literatur- und Quellenverweis rundet den Serviceteil ab.

Fazit „Wenn die Dinge mit uns reden“

Alles in allem ist dieses neue Buch von Christoph Drösser ein gelungener Wurf zu einem doch recht komplexen und hochtechnologischen Thema. Es blieb einfach gehalten, ohne seinen Informationsgehalt einzubüßen. Und, man kann es wirklich nebenbei, am Tagesrand lesen.

Abschließend möchte ich Ihnen Lust zur Lektüre machen, indem ich eine kurze Geschichte aufgreife, von der Drösser berichtet. Die russische Programmiererin Eugenia Kuyda hat ihren 2015 verstorbenen Freund Roman in eine App verwandelt. Mit „ihm“ kann sie jetzt chatten und Gespräche führen. Mehr als 8000 Zeilen aus SMS-Nachrichten lieferten die Datengrundlage für diese App, sodass die Roman-App ganz wie der echte Roman „spricht. Gruselig? Drösser fragt: „Reden wir dann mit einem Ding oder mit einem Menschen?“

Über den Autor

Christoph Drösser ist Jahrgang 1958 und lebt seit 2014 als freier Journalist und Autor in Kalifornien, USA. Der ehemalige ZEIT-Redakteur gründete das Magazin ZEIT Wissen und schreibt seit 1997 die Kolumne „Stimmt’s?“, in der er Leserfragen zu Alltagsweisheiten beantwortet. Das Medium Magazin zeichnete Drösser als Wissenschaftsjournalist des Jahres aus, und er machte sich um die Popularisierung der Mathematik verdient. Dafür erhielt Christoph Drösser den Medienpreis der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Er schrieb zahlreiche Bücher, darunter „Der Mathematikverführer“ und „Total berechenbar? Wenn Algorithmen für uns entscheiden“.

Das Buch

Christoph Drösser: wenn die Dinge mit uns reden. Dudenverlag: 2020. Hardcover.

Link zum Buch und Shop des Dudenverlags.

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