Gravierende Mängel in Sprachkompetenz
Es ist zum Haareraufen, was als wissenschaftliche Textarbeit geliefert wird. Einer von vier Texten geht höchstens als besserer Schulaufsatz durch, reicht jedoch nicht über den Pflichtschulabschluss hinsichtlich des Sprach-, Lese- und Textverständnisses hinaus.
Die Absenkung der Zugangsbestimmungen für ein Studium ziehen einen ganzen Rattenschwanz an mangelnder Sprachkompetenz nach sich. Denn in der Regel ist den Schreibenden nicht bewusst, ob sie sich beschreibend, erklärend oder vermutend und deutend ausdrücken.
Die Differenzierung in Beschreibung, Erklärung, Deutung und Vermutung ist Inhalt des Deutschunterrichts ab der ersten Klasse, und zieht sich bis zum Abitur, indem in den letzten beiden Klassen die Sprach- und Textkompetenz um die Themen der Interpretation, Argumentation und des kritischen Textverständnisses erweitert wird.
Zur Erklärung seien hier die Unterschiede kurz dargelegt:
„Das ist Peter.“ – hierbei handelt es sich um eine Beschreibung, weil gesagt wird, was ist.
„Scheinbar ist es so, dass…“ – hierbei handelt es sich um eine Vermutung bzw. Deutung, ersichtlich am Modaladverb „scheinbar“.
Wer also deutet und vermutet, verwendet Modalverben (können, müssen, scheinen, wollen, dürfen), Modaladverben (anscheinend, scheinbar, sicher, bestimmt, vielleicht, wahrscheinlich, sicherlich, tatsächlich), Modalpartikel (wohl, wirklich, echt, ja, ernsthaft), Konjunktive (könnte, sollte, dürfte, müsste, hätte, würde, wäre) und bestimmte Einbettungsstrukturen (man sieht, findet, glaubt, denkt, stellt, vorstellt, meint, weiß), um der Vermutung Ausdruck zu verleihen.
Vermutungen und Deutungen haben in wissenschaftlichen Texten nichts verloren. Der Text mutiert durch Anwendung der oben genannten Sprachformen zu einer Interpretation, zu einer subjektiven Deutung. Es fehlt ihm die faktische Beschreibung des Sachverhalts.
Die Vorstufe der Erklärung ist das Beschreiben, quasi als „Steigbügel für die komplexere Sprachhandlung ERKLÄREN.“[1] Zwar entspricht die Vermutung von der Struktur her der Erklärung, sie bleibt aber aufgrund ihrer sprachlichen Modalität offen und unbegründet. [2]
Gleichzeitig gelangt man über das Erklären zum Argumentieren, indem Kohärenzrelationen und rhetorische Relationen erkannt und dargestellt werden. Vice versa stellt „das Erklären sogar die unabdingbare Voraussetzung des Beschreibens [dar], welches Erkenntnis schafft“.[3]
Ich muss als Hochschullehrende alle Modalitäten in den Texten streichen, soll ein wissenschaftlich, faktenbasierter Text vorliegen. Wenn jedoch die Sprachkompetenz fehlt, diese Unterschiede einzuordnen und im eigenen Text diesbezügliche Fehler zu identifizieren, dann ist schlichtweg keine Studierfähigkeit gegeben.
Darüber hinaus zeigt dieses Beispiel, dass die Mängel in Sprachkompetenzen auf mehreren Seiten bestehen: bei Studierenden wie auch bei Lehrenden, die diese Mängel während der Korrektur nicht erkennen oder nicht entsprechend einordnen und bewerten können.
Welcher Weg führt aus diesem Dilemma heraus?
Wie kommen wir aus diesem Schlamassel wieder heraus? Ich schlage vor, wir professionalisieren hinsichtlich der Sprachkompetenzen und akademischen Medienkompetenzen im ersten Schritt die Hochschullehrenden, die schriftliche Arbeiten bewerten müssen. Und im zweiten Schritt führen wir Zugangsbeschränkungen fürs Studium (wieder) ein.
Meine Haltung dazu ist klar:
Nicht jeder muss studieren, um sich ein erfolgreiches Arbeitsleben zu erschaffen. Die Zugangsregeln zu den Unis müssen bleiben. Die Voraussetzungen für einen akademischen Werdegang sind von den zur Matura und zum Abitur führenden Schulen im Deutschunterricht zu schaffen. Wer ohne Matura studieren möchte, muss einen Vorstudienlehrgang absolvieren.
Die öffentlichen Unis bieten einen solchen schon lange an, die Online-Universitäten und Online-Hochschulen sollten solche Lehrgänge verpflichtend einführen, um die berufsbegleitend Studierenden sprachlich auf akademisches Niveau vorzubereiten. Und das bitte nicht mit KI und im Selbststudium, sondern mit echten Profs und Lehrenden.
Denn Sprache braucht Handlung – Sprachhandlung, die live in Präsenz geübt wird, was mit Argumentieren, Beschreiben, Vermuten, Interpretieren und Deuten gemeint ist, und woran man diese Sprachhandlungen am eigenen Text erkennt. Die professorale Anmerkung, es handle sich um Interpretation in einem Textabschnitt und nicht um eine Paraphrase, wie auch die Aufforderung Redundanzen, Personalpronomen und wertende Begriffe zu vermeiden, verstehen viele Studis leider nicht mehr. Sie können mit solchen Informationen nichts anfangen.
[1] Gese, H. & Kellermann, K. (2024). Mündliche Beschreibungen fiktiver Szenarien: Modus und Modalität in Sprachhandlungen zwischen BESCHREIBEN, VERMUTEN und DEUTEN. In Kellermann, K.; Fornol, S. L. & Olthoff, S. (Hrsg). Beschreiben in Theorie und Unterrichtspraxis. Berlin: Frank & Timme, S. 263–302; S. 265.
[2] vgl. ebd., S. 266.
[3] Uebel, E. M. (2024). Informationsstruktur und rhetorische Relationen in Bildbeschreibungen von SChüler:innen in Klasse 3 und 6 – eine exemplarische Analyse der thematischen Progression und Entfaltung. In Kellermann, K.; Fornol, S. L. & Olthoff, S. (Hrsg). Beschreiben in Theorie und Unterrichtspraxis. Berlin: Frank & Timme, S. 209–246; S. 213.

Wohofsky, überarbeitet mit GPT
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